Thomas Bernhard wusste es schon früher …

Ohne wirklich beurteilen zu können, wann ein Klavier gespielt statt geschlagen wird. Ohne Thomas Bernhard wäre mir Glenn Gould wahrscheinlich nie untergekommen. Ohne dem Musikkritiker Joachim Kaiser zu nahe zu treten. Ohne es zu wissen. Ohne es selbst zu können. (Klavierspielen)

Aber seit einigen Monaten begleitet mich diese Glenn Gould Aufnahme zuhause, durch die Stadt, während der Zugfahrten, überall hin. Immer wenn ich ein neues Handy habe, sind es diese Sonaten, die ich mir zuerst aufspiele. Und sicher weiß ich inzwischen, dass Gould nicht wegen dieser Aufnahmen berühmt ist, sondern wegen seiner Bach-Interpretationen. Aber eines weiß ich inzwischen auch: Ohne Musik keine Literatur. Und ohne Literatur keine Musik. Und dass Thomas Bernhard mich begeisterte, vor Jahren, sosehr, dass ich nun auch auf Glenn Gould höre. Ich höre, dass er das anders spielt als Arrau, Horowitz, Lugansky, Lang oder Lupu, Brendel und Uchida, Barenboim. Absolut.

Er spielt schnell. Technisch. Mit manchmal schon jazzigen Elementen. Das höre ich immer in Sonate 13 E-Flat Maj, Op.27 No.1-II. (Das ist die in meinen Ohren beste Interpretation dieser kleinen Marschmusik ! – die ich bis dato gehört habe ! Tänzelnder geht es nicht. Und selbst das angeblich Seelenlose ist hier so voll vom Gegenteil – wer kann überhaupt so etwas sagen: er spiele seelenlos – absurd. Wie er das in den Schluss hinein auflöst … grandios! Man höre sich dagegen die Arrau-Aufnahm von 1970 an … (Beethovenfest) – nichts gegen Arrau – aber das ist Hausmusik dagegen, Kaffeeklatsch,  und dunkel und schwer … leiser lauter werdend, weich, ganz weicher Anschlag.) – Staccato dagegen Gould.

Ich die Gouldsche Interpretation klar favorisiere! (Arraud:schwülstig, Gould: leicht und fliegend, und in welchem Tempo auch)

Da gibt es nun genug Leute, die Gould madig quatschen. Goulds Mitgesinge nerve zum Beispiel. Das kann man sehen oder hören wie man will. Mich nervt das gelegentlich auch – wobei – was habe ich da überhaupt zu enervieren? Ist das nicht ein weiteres narratives Element. Da spricht die Stimme. Die Stimme erzählt. Und trage ich Beethoven so durch die Stadt, ist es allemal fröhlicher und heiterer – als ihn in der Schublade zu haben und ihn nur zu Weihnachten rauszuholen.

Ja. Glenn Gould erzählt über Musik. Ein Leben. Denn es geht bei Gould nicht um Gefühl oder Stimmung. Es muss vermittelt werden, dass die Noten nicht nur im Bauch oder Herz sitzen, um mich zu dramatisieren oder mich melancholisch oder gar seelenbeglückt zu machen – gerade das Gegenteil ist, was passiert: „ein Leben dauernde Schaffung eines Zustandes des Staunens und der Heiterkeit“ erzeugen. (Glenn Gould – In Ein Leben in Bildern)

Der mich zu Gould geführt hat, Thomas Bernhard, zu lesen in „Der Untergeher“:

„Glenn war das Genie.“

Dem kann ich nicht widersprechen. Wobei der Geniebegriff sich eher seiner Dämmerung entgegenneigt. Seis drum. Wenn ich ihn hier höre, habe ich trotzdem diese kleinen Wörtchen „einfach genial“ auf der Zunge, im Kopf – auf den Lippen. Beste Erzählungen ich je hörte!

Label: Sony Classical (Sony Music)
Glenn Herbert Gould * 1932 in Toronto, Ontario † 4. Oktober 1982 ebendort

 

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