Jazzplatten 2014

Zeit frisst Weihnachten … Musik kann je nach Lage der Dinge die gleiche Zeit zur Bremsung zwingen, deswegen hier meine Favoriten für 2014, auch wenn  klargestellt werden muss: es kann keine Best of geben – dazu ist zuviel geschehen und wie immer zuviel veröffentlicht, und nicht alles kann man mitbekommen haben, und an der Diskussion, wo der Jazz nun beheimatet sei, ob in den USA, in Norwegen, Schweden, oder Germany, oder auch Italien, die Schweiz, Österreich, nennen wir das ruhig Europa – nein, ich will und kann mich nicht auch noch an solchen Feinsinnigkeiten beteiligen. Und dass ich in Berlin seit Jahren kein ordentliches Festival besuchen kann (ich meine schon was Großes hätte die Stadt verdient – es muss nicht gleich Detroit oder Rotterdam sein) – so bleibt es eben bei kuscheligem Beieiander mit Bier und Wein, in den wenigen aber guten Jazz-Bars der Stadt. Trotz der intellektuellen Trauerweiden im Winter dieser dann nicht wirklich schönen Stadt – im Frühling diesen Jahres immerhin hat’s einer versucht, der Sebastian Studnitky mit XJazz – und es kommt im Mai 2015 wohl (hoffentlich) wieder dazu – da wächst was – bei größtmöglicher Unterstützung – nehmen wir das optimistisch: und wünschen den Veranstaltern das Glück aller Musiker und Jazzfreunde! – Und die sich nicht Jazzfreunde nennen, sollten sich das eh nochmal überlegen – vielleicht einfach selbst wieder ein Musikinstrument in die Hand nehmen – es ist dies ein Wunder, nach wievor und immer noch. Wem soll man dafür eigentlich danken? Denn Gott lebte schon und hat auch das kaum für möglich gehalten – dass man aus so wenigem Material im Vergleich so viel herausholen kann! Und dass da irgendwann ein Kreolischer Gesang in den Urlöchern des Klangs stand – kann mir keiner erzählen – gut oder nicht: hier nun zum Weihnachtsbaum passende Geschenke: ich sehe und höre, bei mir lag die Vorliebe zum großen Teil beim Klavier – liegt wahrscheinlich daran, dass ich es selbst abundan wieder angeguckt habe.

 

Jo-Yu Chen, Stranger

langsam schreitet es los – trocken – in der Tiefe der Tasten – Bass und Schlagzeug geben den Schlag vor. Und Jo-Yun geht spitz, staccato – dagegen. Das ist im Rhythmus schon auch zu hören: Kurt Rosenwinkel. Der greift dann in Castle auch mal berherzt zu. Gefolgt von seinem Feuerwerk der Improvisation in Fragments. Da geben sich Revolte und Ruhe in Stille die Klinke in die Hand. In The Pirate ist Rosenwinkel wieder mit im Geschäft. Wo Gitarre und Klavier den gleichen Ton treffen – das spitzt sich unaufhaltsam ins Gedächtnis. Der Beat ist es auch, der einen zappelig macht. Wohin mit der Unruhe – stranger heißt die Platte. Das hat was von getrieben sein. Nicht mal so eben nebenbei. Aber doch im Beisein all dessen. Was der Platte seine Spannung gibt, ist die Arbeit von Tommy Crane am Schlagzeug.

Jo-Yu Chen: Piano; Christopher Tordini: Bass; Tommy Crane: Drums; Kurt Rosenwinkel: Guitar

Label: Okeh (Sony Music)

 

Joshua Redman, Trios Live

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Label: Nonesuch (Warner) Justin Gabbard Illustrations Jeri Heiden Art Direction

Und wieder eine Redman Platte, möchte man sagen. Diesmal ein Live-Mitschnitt. Mackie Messer gleich mal als Opener, man kriegt es zwölf Minuten lang mitgeteilt: Jazz, liebe Leute ist nicht nur die Suche nach einem schönen Thema, Jazz ist und war schon immer eine mitteilsame Sache – hier kann man sich über alles unterhalten, nur nicht darüber, wer wen gerade an der Nase rumführt – und so wird schnell klar, dass Joshua Redmann auch mal wieder nichts anderes machen will, als treibend, dynamisch, dicht, laut, exaltiert, rotzfrech, rauf runter, tief unten, schreiend komisch weit oben – unterwegs sein will – und jaja, Bass und Schlagzeug geben ihm beste Begleitung. Endlich wieder reinstes Handwerk – rein ins Vergnügen. Live-Musik zum mitmachen, möchte man rufen, aber man gut, der begeisterte Zuhörer schweige lieber und staune sich was. Fulminant wie die sich da in was reinsteigern – vollkommen durchgeknallt nenne ich das – früher hätte ich gesagt: total abgefahren. Da steht dir der Mund offen nur vom Zuhören. Tja, so kann’s kommen.

Joshua Redman: Tenor Saxophone (1, 2, 4, 6, 7), Soprano Saxophone (3, 5); Matt Penman: Bass (1, 5–7); Reuben Rogers: Bass (2–4); Gregory Hutchinson: Drums.

Label: Nonesuch (Warner)

 

Stefano Bollani, Joy in Spite of Everything

Stefano Bollani
Label ECM/Universal Cover Art: Sasche Kleis (Design), Paolo Soriani (Fotografie)

Um es gleich zu sagen. Man kann schreiben, was man will über diese Platte, sie in Einzelteilen zu interpretieren versuchen, sie im Aufbau analysieren, sich über den Titel Ismene wundern, ich komme zu keinem anderen Ergebnis: Worte kommen gegen diese Jungs nicht an. Vielleicht ist: „Easy Healing“ noch zu leicht und zu lang und zu verspielt – denn man kennt ja anfänglich die Platte noch nicht und will natürlich wissen, was einen noch erwartet. Ja, da kommt der Pabst, ohne den keine Party möglich ist, und wie. „No Pope No Party.“ Ein fettes Stück – getrieben von Bass, Schlagzeug und Klavier – erst geht Mark Turner mit seinem Saxophon … bis Bill Frisell der anfänglichen Getriebenheit die Vorfahrt nimmt – und nun seinerseits getrieben wird – sich steigert – Bollani bleibt wunderbar zurückhaltend … bis das Stück aufs Klavier übergeht und wieder Fahrt aufnimmt – ein achtminütiges Erlebnis, um es mal so nüchtern wie möglich auszudrücken.

In „Alobar e Kudra“ kommt dann das, was ich an Bollani besonders mag: Linien, Melodien, hier spürt man Dichte, kompositorisch wie emotional – wie auf gedämpften Sohlen – treibend folgt eine feine Melodie der nächsten, Oktavwanderungen folgen auf Bassgrummeln – viele Songs im Song – schön und intensiv.

Eine sehr dichte Stimmung und Atmosphäre – mit Blick aufs Cover: Diese Musik hat im Vergleich zu Eruption und Explosion – einen Vorteil: den akustischen Raum, in dem die Aufenthaltsqualität zu- und nicht abnimmt. Die beiden kleinen Figuren im Vordergrund, dort hinten die Explosion – sie schauen entsetzt, eingeschüchtert, sich tröstend, hin. In spite of … gibt Stefano Bollano dagegen, wie es im Klappentext heißt, sein “lyrisch verlockendstes Statement” ab.

Großartig!

Mark Turner: Tenor Saxophone; Bill Frisell: Guitar; Stefano Bollani: Piano; Jesper Bodilsen: Double Bass; Morten Lund: Drums

Label: Ecm Records (Universal Music)

 

Julia Kadel Trio, Im Vertrauen

Nehmen wir die Titel –

Alles wollen, leise Schritte,
Tropfen, innendrin,
Zweifünfzig, die Behauptung
Fragen – (die) – nicht bleiben
am Regentag.

Wo Klavier Schlagzeug und Bass sich umeinander winden, in jedem Stück ist ein “Vorwärts”, ein “Nicht bleiben”, allein was Steffen Roth am Schlagzeug und Kalle Enkelman am Bass zusammenspielen – ist: – Im Vertrauen – innendrin

Label: Umi Jazz Germany (Universal Music)

 

Nils Petter Molvaer, Switch

Mit der Platte bin ich persönlich unter die Räder geraten. Einmal wollte ich sie bei Amazon besprechen, doch ich konnte schreiben, was ich wollte, irgendein Freund der schlichten Laune meinte es immer wieder zu gut mit mir, und wertete mein Geschreibsel solange ab, bis ich es zurückzog – des inneren Friedens willen. Habe nun die Platte inzwischen mehr als fünfmal durchs Hirn geschickt. Sie wird dadurch nicht schlechter. Nun bin ich noch immer auf der Suche nach einer Begründung für schlichte Laune beim Hören dieser Musik. Nun. Beim XJazz Konzert kam der Start erst eine Stunde später zustande. (Da war irgendein Amplifier mit Bier übergossen worden, auch schlichtweg voll daneben – nur kann doch der Molvaer nichts dafür). Das wird also nicht der Grund gewesen sein. Da gibt es Jon Hassel, dessen Soundcollagen bei Amazon für Nix und drei Stunden verschenkt wird – kann auch nicht sein. (Hat Truffaz eine neue Platte rausgebracht und sie wurde übersehen?) Dann das Argument, nichts neues – NPM reite nur auf seinen Kamellen entlang – bitte, was soll das? Ich bleib dabei. Man kann anderen Molvaer Platten aus dem Weg gehen, die American Compilation z.B. oder bei Re-Vision kann man auch mal weggucken – diese aber würde ich bedenkenlos in die Reihe  Khmer (98) – Solid Ether (01) – Baboon Moon (11) stellen – und genießen! Aber genießen darf man wohl auch schon nicht mehr sagen, wenn einem die Puristen in den Büschen auflauern und geklärt ist, dass man selbst nicht mehr mit der Wünschelrute über vermintes Gelände laufen soll. Dem NPM möchte man nur zurufen: weiter so!

Label: OKeh (Sony Music)

 

Jacob Young/Marcin Wasilewski/Michael Miskiewicz/Slawomir Kurkiewicz/Tryge Seim, Forever Young

dummy Jacob Young

Ich bin mir sicher, dass ich dieser Platte das Zeug zur Jazzplatte des Jahres zugetraut habe, dass es hier nur so von dahinfließenden Stimmen wimmeln müsste – dass man dieser Platte eine Träne hinterherschickt, wenn es vorbei ist mit der Platte des Jahres – nun höre ich nochmal rein und denke: ja, das ist was Gemütvolles am Anfang – das ist einerseits eine schöne beruhigende Melodie, und ein ebenso schönes Gitarrenspiel mit geläufigen Skalen – schmusig – verliebt, vertröstend – ich sage mal so: es ist schon eine Menge Klebstoff verarbeitet in diesem Film – bis an die Grenze des Perlenden, und Jazz for Lovers würde den Titel nicht verfehlen – aber da bei ECM inzwischen sehr viele Jazz for Lovers Platten erscheinen (wer soll die alle konsumieren?), habe ich mich entschieden, die in meinen Ohren schönste ECM-Jazz for Lovers Platte aufzunehmen in mein öffentliches Bekenntnis von Jazz, von dem ich, so gesehen, auch keine Ahnung mehr habe, sondern nur noch einen Verdacht: man muss es gut meinen mit seinen Freunden und Nachbarn, so eine Platte bläst auch mal den Staub aus den Schränken, ohne dass ich mit einem Tuch nachhelfen muss.

Jacob Young: guitars; Trygve Seim: tenor and soprano saxophones; Marcin Wasilewski: piano; Slawomir Kurkiewicz: double bass; Michal Miskiewicz: drums

Label: Ecm Records (Universal Music)

 

Leslie Pintchik, In the Nature of Things

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Ich weiß immer nicht, wo ich das schon mal gehört habe … es gibt die Blue Note Scheiben Herbie Hancocks, es gibt das Gesamtkunstwerk Bill Evans. Und jetzt gibt es Leslie Pintchik. Was riskiere ich schon, Leslie Pintchik so hoch zu hängen. Das mir keiner mehr glaubt? Aber ist das nicht eh alles Geschmackssache? Nein, das Argument kann ich irgendwie nicht mehr hören. Wenn nur der Geschmack über Gut und weniger Gut entscheidet, wären wir um viele Geschmacks-Aspekte ärmer, denn wessen Geschmack ist schon zuverrlässig genug, sich rausnehmen zu können, gefällt mir, gefällt mir nicht. Diese Musik sollte man einfach mal außerhalb der persönlichen Vorlieben ansiedeln. Weil ich mir gut vorstellen kann, wie schwer es ist, überhaupt in der New Yorker Jazz-Szene zu überwintern, wo doch jeder Krümel von John Zorn aufgehoben und publiziert wird, während sich Lucie Müller einen weiteren Job suchen darf. Also kommt der Geschmack vor die Moral. Warum? Nun, die Kompositionen sind durchgängig „kleine Meisterwerke“. Wer seine Kollegen so dicht zusammenführt, will sicher nichts dem Zufall überlassen, und doch sprüht es wie komplett frei assoziiert, frei – gespielt – ein Klavier, das sich fortschreibt, die sie begleitenden Bassist Schlagzeug und Saxophon Trompete ebenso – meine persönliche Meinung, ganz mein Geschmack: Großartig!

Oder soll man sagen klein aber fein. Sagen wir so:

– Große Kunst für meine Ohren.

Leslie Pintchik: piano; Steve Wilson: alto and soprano saxophones (1, 2, 4, 5, 6, 7); Ron Horton: trumpet and flugelhorn (1, 2, 4, 5, 6, 7); Scott Hardy: bass; Michael Sarin: drums; Satoshi Takeishi: percussion

Label: Pintch Hard Records

 

Colin Vallon, Le Vent

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Eberhard Ross, Cover Photo; Sascha Kleis, Design; Nicolas Masson, Photography; Label: Ecm Records/Universal Music

Klangwelten, orchestrale Räume, vom Spiel zur Komposition, vom Ombre zum Autor – Colin Vallon macht offenbar eine Entwicklung wie im Flug, oder erfindet sich oder erschafft sich – ohne dass er umbricht, stolpert oder für den Zuhörer nicht nachvollziehbare Sprünge wagt – das ist, wenn man die insgesamt jetzt schon auf über fünf Stunden angewachsene Musik von Vallon durchhört – eine sehr spannende Reise – die kann man nicht mal eben so nebenbei hören – schon gar nicht die neue Le Vent (zu deutsch: der Wind). Da muss mehr vorliegen als sich nur um ein paar wunderschöne Akkorde zu kümmern und diese mit ein paar Klangwelten aufzudicken, sich um ein paar wunderschöne Akkorde zu kümmern und diese mit einem Schlagzeuger und einem Bassisten auszukleiden – beim Lesen der Interviews und Beiträge auf unterschiedlichen Zeitschriften sieht man etwas von Grenzwerterfahrungen: Verlust, Tod und Vergehen seien Themen der Le Vent – aber er wollte in keinem Fall, dass ein depressives Album entsteht:

Nein, es ist vor allem ein sehr dynamisches Album entstanden. Die einen sagen, es sei einfach nur schön, andere finden das Album introvertiert ruhig – andere bedauern, dass es nicht explosiver zugeht – nun, denen möchte man zurufen: wenn euch Immobile nicht explosiv genug ist ?! – : die innere Dynamik und Spannung – Gut. Oder nicht gut. Auch Le Vent geht wieder eine Steigerung ein – nachdem das Bimmeln der (Kuh-)glocken vorbei ist – „Le Vent hat etwas von Zen“, sagt Vallon: „das Vergehen ist eine Tatsache, ein Statement, der Wind ist keine romantisch aufgeladene Vorstellung, eher ein Naturphänomen.“ (Interview im Jazzpodium)

Die Tastatur raufundrunter- das hat er jedenfalls nicht mehr nötig, braucht er nicht, hat er auf Les Ombre schon bewiesen – da war er verspielter als hier – Klang und Melodien waren da schon so schön, dass man spürte, wer jetzt spricht, ist einfach zu laut – und damals schon, das ist gerademal 3 Jahre her – deutete sich an, was nun erstrecht vorliegt: die Betonung liegt auf dem Gespräch der Musiker miteinander – es wird nicht wild gestikuliert mit Tönen – es wird ein neuer Raum betreten: Wir prüfen unser Zusammenspiel und –leben darin auf. Wunderbar in Cendre zu hören. Wie vorsichtig und doch spannungsgeladen, Schlagzeug Bass und Klavier da miteinander sprechen – und sich wieder in eine Wolke steigern – einfach gut!

Colin Vallon : Klavier; Patrice Moret : Kontrabass ; Julian Sartorus : Schlagzeug

Label: Ecm Records (Universal Music)

Louis Sclavis, Silk and Salt Melodies

Luc Jennepin, Photography; Olivier Degen, Photography; Sascha Kleis, Design; Label: Ecm Records/Universal Music

Da gibt es wieder so ein Stück – wegen dem der Rest auch da ist: Oder eben wegen dem der Rest wie beigestellt wirkt – ach was, gegen den der Rest es natürlich schwer hat, ach was, ein Stück, das herausragt und dafür allein lohnt sich der Blick auf das Cover Sel et soie – Salz und Seide. Das Titelbild: der erste Blick sagt Salzbergwerk. Erst auf dem zweiten sehe ich Teppich, eine ein Tuch reißende Figur – so ist das wohl auch mit dieser Platte insgesamt: im ersten Moment springt das Gehör von Aha und Woweffekt zum nächsten, und nachdem sich die erste Euphorie gelegt hat, steigert sie sich gleich noch einmal – was hier passiert, ist eben mit Worten nicht mehr zu umschreiben. Da heißt es nur: Hut ab und herzlichen Glückwunsch zur Besteigung durch Salz und Seide. Was da erst wie ein rhythmischer Durchmarsch beginnt, wird aufgefangen und aufgelöst durch eine klare und wunderschöne Melodie – ein Song im Song – und weiter mit der Gitarre von Gilles Coronado. Groß!

Louis Sclavis: Klarinetter; Gilles Coronado: Gitarre; Benjamin Moussay: Piano, Keyboard; Keyvan Chemirani: Percussion

Label: Ecm Records (Universal Music)

 

Enrico Pieranunzi/with Antonio Sanchez, Stories

Cover photo by Andrea Boccalini, Label: Cam Jazz

Wieviele Platten hat dieser unermüdliche Pianist wohl veröffentlicht? Zwanzig, dreißig, vierzig? Hundert? Bei Wikipedia kann ich erkennen: Erste Platte erschien 1975. Ich sehe mehr als dreißig bei Wiki. Ich sehe bei meinem neuen Jazz-Pabst Peter Rüedi: da wird sogar Scarlatti interpretiert – das wäre dann wohl nach alledem, was man so landläufig Tausendsassa sagt ein Ausschlusskriterium. Solche Alle-Bühnen-Beherrscher wollen wir nicht, die verdrängen zuviele Talente, meine Kinder kommen ja nicht zum Zug, wenn hier alles von ein und der gleichen Person=Machina bewältigt wird. Nun. Trost sei gespendet denen, die glauben, Jazz sei was für Millionäre. (Sicher hören auch Millionäre Jazz, das meine ich nicht.) Sondern wirklich reich werden mit Jazz – nun das meine ich eigentlich auch nicht. Interessiert das vielleicht einen Gewerkschafter oder einen SPD-ler? Dass Jazz-Musiker zu allen Waffen greifen müssen, um nicht doch noch enteignet zu werden von dem, was sie gar nie besaßen? Nun gut. Spaß beiseite, Enrico kommt (schon wieder). Will damit sagen: Ich brauchte erstens: was Europäisches. Zweitens etwas Ruppiges. Und drittens etwas Schnelles. Also weit weg von der Kaffeehaus-Touristik. Und da lief mir zufällig, wie kann es anders sein, diese Scheibe über den Weg, bedenkt man, dass er schon so viele Scheiben für mich ausgelegt hat, die ich nicht gesehen habe – kann ich mich etwa an Trasnoche mit Marc Johnson erinnern? Ach Gott ja, noch ein Klischee muss ich bedienen: Ich brauchte Piano-Trio-Musik. Da dieses Jahr im Zeichen der Taste steht. Gut, um das Bild schließlich vollends gegen die Wand zu fahren: Das ist tatsächlich ganz anderer italienischer Jazz als ich ihn kenne zum Beispiel vom Alboran Trio. Was soll das. Frage ich mich gerade selbst. Abgesehen davon, dass ich kaum glaube, dass irgendein Mensch diesen Artikel bis an diese Stelle gelesen hat, oder hier herangelesen kommt. Es gibt noch eine Begründung dafür, dass diese Platte eine meiner Hot 2014 sein darf: Ich habe sie einfach schon hundert Mal gehört, immer wieder, und bei aller Ruppigkeit darin, das ist genau, was mir gefällt. Sie ist nicht zart besaitet und weich oder lieblich – und trotzdem melodisch, rhythmisch – läuft wie Butter – by the way: auch immer wieder gut zu hören (allerdings viel gefälliger:) Alone Together von 2007 mit Philip Catherine. Womit bewiesen wäre, dass ich mit meinen Empfehlungen wieder mal nichts anderes machen will, als den Daddys der Zunft ihre Sockel zu basteln, während die Jugend weiterüben darf. Natürlich mit einem Augenzwinkern geschrieben – denn üben darf ich auch: Klavierspielen und Schreiben. Ach ja ganz vergessen: Am Schalgzeug ist noch so einer … der werte Sanchez – der weiter unten auch mit Metheny rumtrommelt. Am Bass: Scott Colley.

Label: Cam Jazz

 

Helen Sung, Anthem for a Day

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Kat Villacorta, Photography; Albert J. Roman, Art Direction, Label: Concord Jazz (in-akustik)

So kann sich das anhören, wenn akademisch – dass das hier ein Konzeptalbum ist mit Tempo, Dichte, mit grandioser Begleitung – hört man gleich am ersten Stück – deutliche Thelonius Monk Remineszenz – das treibt.

Trotzdem bin ich erstaunt, dass in Europa kaum jemand zur Kenntnis nimmt was sich unterhalb der ersten Garde der Staaten alles noch so tut. gute Frage. Wie kommt der Jazz zu seinem Publikum. Wie spricht sich das rum? Wo trifft man die Freunde des Jazz, die das auch vermissen, oder suchen wir inzwischen jeder nur noch für sich, bebildert und verwaist vor unseren Monitoren?

Dabei spielt doch hier nicht irgendwer:

Saxophon Seamus Blake, Trumpet Ingrid Jensen, Bass Reuben Rogers, Schlagzeug Obed Calvaire, Violine Regina Carter

Mehr davon, jederzeit!

Label: Concord Jazz (in-akustik)

 

Rebecca Trescher, Nucleus

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Die Klareintte aus Nürnbuerg, ja und? Die Universität im Klang und im Abenteuer einer symphonischen Dichtung, ja und? Ich war anlässlich XJAzz im Mai bei ihrem Konzert – und ja, das ist avanciert, artistisch, das ist reflektiert und stimmig, das ist nicht zu laut, nicht zu leise. Der werte Herr Schlagzeuger Julian Fau ist ein Naturschauspiel, ja, die Gitarre wird von Filip Wisniewski leise und präzise und vollakkordig zum Mitsingen gebracht, und der werte Herr Max Leiss am Kontrabass bleibt immer relaxt, cool, und und und … da ist sie also die neue Generation und man braucht sich keine Sorgen mehr zu machen, denkt man, die sind so gut und sicher und in jedem der Stücke auch noch echte Komponisten – was will man mehr – denkt man. Was wäre denn, wenn das kein Jazz wäre – sie müssen sich doch belohnen für ihre famose Arbeit. Das Publikum sollte anmutig verstummen – tja, das tut es ja –  es darf sogar ein bisschen Verfolgtsein hören in The Red Line. Tja, schweigen wir lieber, nehmen es, als was es ist: Sehr gute Musiker spielen sehr gute Mucke. Und wenn mich nicht alles täuscht: von denen hört man noch mehr. Ich hoffe doch!

Rebecca Trescher   Klarinette, Bassklarinette, Komposition; Joachim Lenhardt   Saxophon, Klarinette; Filip Wisniewski  Gitarre; Max Leiss  Kontrabass;

Julian Fau  Schlagzeug

Label: Double Moon Records (CODAEX Deutschland)

 

Philip Catherine/Martin Wind, New Folks

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Philip Taaffe, Cover Art; Dean Bennici, Photography, Label: ACT

Wir holen uns einen Bassisten, Martin Wind (41), von dem man weiß, dass er mit so Leuten wie Monty Alexander, Pat Metheny, Clark Terry, Toots Thielemans, Buddy DeFranco, Michael Brecker, Randy Brecker, Curtis Fuller, Phil Woods, Johnny Griffin, Mike Stern, John Scofield zusammen gespielt hat. Und? Hat die Geschichte eine Fortsetzung? Oh ja. Sie kann man nun hören auf knapp 60 Minuten geteilt durch 12 Stücke. Eingängig, leichtfüßig, virtuos. Das ist keine Revolution – nein, dazu hat man sich nicht zusammengefunden – bitte. Das kann man auch nicht erwarten, wo wir all der Revolutionen müde sind – uns aus all den Sackgassen wieder rückwärts raus bewegen, und dem Publikum „nur“ eine handwerklich beschwingte und teilweise sehr spielfreudige Nachricht vermitteln wollen. Erstens Leute: unsere Instrumente sind uns nicht fremd. Und zweitens Leute: Wir machen Kammermusik auf höchster Stufe – das heißt eben auch, das Volumen, es swingt ohne Staub, und drittens: wer schon immer hören wollte, was er sowieso schon gehört hat, aber noch nicht in der Form zu spielen vermochte, bitte: seid so nett und redet drüber: diese Platte muss man nicht verstecken oder heimlich kaufen, schon gar nicht wegstellen – eine Aufnahme, die sich eine kultivierte Unterhaltung auf zwei akustischen Instrumenten erlaubt – und die fast sechzig Minuten – es darf auch die Elektrische sein, im akustischen Auftrag sozusagen – schon vorbei. Bitte nochmal

Label: Act (Edel)

 

Pat Metheny, KIN (<–>)

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Label: Nonesuch (Warner) Art Direction and Design: Doyle Partner Photograph of the Pat Metheny Unity Group: Jimmy Katz

Zu dieser Platte nur soviel: sie streiten sich sie streiten sich sie streiten sich, die Metheny Liebhaber und die es es noch immer sind aber nicht mehr sein wollen, und sicher hat er schon soviel Unsinn gespielt wie andere redeten, aber auf dieser Platte gibt es ein herausragendes Stück: Rise Up – das ist, was nur der werte Gitarrengott kann, oder wie auch immer: Da findet in Minute 4:30 von 11:57 ein Eisprung statt, oder wie Freddie Bobic es sagen würde: da geht einem das Zäpfchen – naja – für solche Vergleiche gibts gleich ne Abmahnung – denn das hat der Daddy wahrscheinlich am allerwenigsten gewollt – dass man hier vor Glückstaumelei gleich ohnmächtig wird. Aber wer hören und sehen kann ist im Vorteil, und sogesehen : jaja, die Pat Metheny Konzerte waren auch schon besser besucht. Und tatsächlich wahr oder nicht: Das Jazz-Publikum wird nicht jünger- Nur zu Festivals ist da ein Hauch von Leichtsinn zu verpüren . Oh Daddy, lass mich noch nicht sterben. Siehe unten. Sie verlassen das Schiff. Aber Pat ist noch jung. Steht da auf der Bühne ohne Mühe sechzigjährig seinen Part und spielt noch immer Überstunden. Hut ab. Konzert große Klasse. Das Soundgeschwurbel allerdings könnte wieder (meine persönliche Meinung) etwas runtergefahren werden. Denn  technische Aufrüstung um der Aufrüstung willen führt auch zu Verdruss – aber so manch einer verwechselt eben Jazz noch immer mit Akrobatik am Instrument, und wenn schon nicht das Instrument, so gleich das ganze Zimmer, und wenn schon nicht Zimmer, dann gleich eine ganze Halle voll davon – nur Wo soll das hinführen? Die einen entwickeln imer leistungsfähigere und immer kleinere Chips, unser Pat stellt dafür mehrere Lkw Material auf die Bühne – weiß nicht.

Label: Nonesuch (Warner)

 

Keith Jarrett/Charlie Haden, Last Dance

Sascha Kleis, Cover Design; Label: Ecm Records/Universal Music

Ohne Worte und zum Gedenken an Charlie Haden († 11. Juli)

Label: Ecm Records (Universal Music)

 

Kenny Wheeler († 18.September), Johnny Winter († 16.Juli), Jack Bruce († 25.Oktober),  Paco de Lucia († 25.Februar)

 

persönliche Wiederentdeckung:

Bennie Wallace/Dave Holland/Elvin Jones von 1983

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Cover Art: Sibylle Areco Cover Design: Michael Stückl

 

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