Chris Potter & Underground Orchester – Imaginary Cities

chris potter
Morten Delbæk, Cover Photo; Sascha Kleis, Design

Um Stadt soll es gehen, die imaginierte, die sich erfindende – im Kopf. Nun. Nehmen wir einen Scorsese-Film – dann wäre das eine Stadt irgendwo im letzten Jahrhundert, oder eine kurz vor Erwachen – mit Nachtlichtsplittern – und darüber die entsprechende Musik – Stück eins bedient diesen Glamour – so deutlich, dass man die Bilder ziehen sieht – Na, dann gute Fahrt, dachte ich, der Film kommt mir bekannt vor.Aber Potter wollte keinen Jazz mit Klassik zusammenbringen, Potter hatte einen Film – vor Augen. In Stück zwei geht es aber noch immer ähnlich eingängig zu Werk – wobei. Ab Minute sechs gibt Adam Rogers an der Gitarre dem Ganzen eine Wendung – nun hat sich Chris Potter neben dem engen Kreis um Saxophon, Schlagzeug und Bass und Gitarre einen großen Rahmen geschaffen mit Cello, Violine, Vibraphon und Marimba – und alle sollen sie zu Wort kommen – in Stück drei wird dieses Versprechen schließlich eingelöst. Es wird rhythmisch, treibend, vielseitig, abwechselnd und: es werden Geschichten erzählt, unzählige. Noch immer nicht ohne Theatralik, von gezupften Saiteninstrumenten umfasst, da geht der Erzählpuls schon etwas höher.Nun – wer noch immer im Zweifel ist – in diesem Film – wo das Saxophon kristallklar spricht, und die Streicher ihr eigenes Spiel spielen – zusammengehalten durch Arrangement und Bilderwelt – mit den bekannten Aufnahmen – wird allein durch das famose Solo von Steve Nelson am Víbraphon daran erinnert, dass es hier um mehr geht als nur mit der Kamera durch die City zu fahren. Hier werden Geschichten erzählt.

In „Desintegration“ der Auftritt aller als etwas komplexere Komposition – die schließlich auf „Rebuilding“ zugeht als Dreh- und Angelpunkt der Aufnahme (wobei man es auch anders sehen kann: Stücke 4 und 7 bringen jeweils den Kammerton der Streichinstrumente mit, während in „Rebuilding und „Firefly“ der Straßenraum „spricht“: insofern ergänzen sich die beiden Erzählstränge zum Großstadtroman) – ab hier würde ich sagen: sie haben sich gefunden, die Aufnahme wird zum Ereignis jenseits der Konventionen: Hut ab, will ich sagen. Vor allem vor Nate Smith am Schlagzeug.

Alles in allem eine überraschende Wendung von innen nach außen arrangiert zu einer sich frei erzählenden Geschichte – sich der Stadt nähernde Züge höre ich in „Dualties“, sich großspurig anmaulende Großstädter in „Sky“ – die Geschichtenerzähler treffen sich in „Firefly“ – das geht so unmittelbar in „Shadow Self“ weiter – mit der Imagination – der Stadtgründung, der Architektur – der Geschichten, Mutmaßungen und Spekulationen darum. Auf das Stichwort Architektur wäre ich selbst nicht gekommen – das las ich in einem Interview – aber wenn man es gehört hat: Man hat sämtliche Protagonisten einer Stadt vor Augen, und bei jedem neuen Hören neue Geschichten. Das ist zwar nicht immer leicht, aber das würde eh nicht funktionieren – eine Stadt ist nun mal mehr als die Summe ihrer Darsteller.

Wem 2015 noch Schwierigkeiten bereitet, in diesem Frühaufsteher-Movie hat man schon mal eine schöne und fette Zusammenfassung in fast trockenen Tüchern.

Chris Potter: Tenor und Sopran Saxophon, Bass Klarinette; Adam Rogers: Gitarre; Craig Taborn: Piano; Steve Nelson: Vibraphon und Marimba; Fima Ephron: Bass Gitarre; Scott Colley: Akustik Bass; Nate Smith: Schlagzeug; Mark Feldman: Violine; Joyce Hammann: Violine; Lois Martin: Viola; David Eggar: Cello.

 

Label: Ecm Records (Universal Music)

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