Cassandra Wilson – Coming Forth By Day

cassandrawilson
Copyright © 2011-2015 Ojah Media Group

Ein „Überlebensgroß-Talent“, eine „Master-Voice“, „die Ella der 90iger Jahre“, all das sagte man schon über diese Ausnahmestimme mit dem Rauch, dem Bauch, der Mischung aus CarmenMc Rae, Ella und Billy – „eine große Stimme“ ist weit untertrieben, möchte man glauben. Ihr erstes Album erschien 1988, mit Vorschusslorbeeren versehen, klassisch jazzig swingend (Blue Skies) und landete auf Platz 1 der Billboard Jazz-Alben, eine der erfolgreichsten Jazzalben ihrer Zeit, da ist die 1955 in Jackson, Mississippi, geborene Cassandra Wilson bereits 33. Ihren Durchbruch erzielt sie schließlich bei Blue Note 1993 mit „Blue Night Till Dawn“. Gefeiert wird auch das Album in Erinnerung an Miles Davis „Traveling Miles“ (mit so Größen wie Pat Metheny, Dave Holland, Terri Lyne Carrington und Steve Coleman an ihrer Seite) – die letzte verfügbare und mir bekannte Aufnahme datiert aus dem Jahr 2012 „Another Country“. Was all diesen Platten anzuhören ist: sie haben eine ganz eigene Ruhe, nichts ist irgendwie oder irgendwo, sondern genau da, wo sie es hinhaben will, an ihrer Seite, in ihrem Klangfeld, ob nun Country, Folkloristisches, Grooviges, Bluesiges: das klingt alles, als wäre es „Original Wilson“, auch wenn sie so bekannte Stücke wie „Fragile“ von Sting singt – eine Wilson macht auch das zu ihrem Song (zu hören auf „Glamoured“).

Jetzt sind wir um eine Aufnahme reicher: Da hatte ich bei der SZ gelesen, der heutige Jazz sei ziemlich akademisch geworden – man fragt sich gleich, was sie wohl meint, denn kaum ist das Wort raus, spüre ich, dass sie etwas bekanntgibt, was mir schon länger durch den Kopf schwirrt. Dem Jazz geht sein spielerischer und leichter, vielleicht auch „schmutziger Witz“ verloren (die Themen sind nicht mehr soziotopisch oder antisklavisch und schon gar nicht milieubehaftet – oder etwa doch, nur verschwiegener und versteckter?). Trotzdem: Denke ich an das Zitat von Thelonious Monk: „spiele so falsch du kannst, das aber richtig“, so wird einem schon klar, was hinter diesen Worten noch zu vermuten ist: Musiker spielen für Musiker, während das Publikum sich nicht mehr verstanden (angefaßt oder gar gerührt) fühlt – dass Musiker sich nicht vom Publikum verstanden wissen, steht auf einem anderen Blatt … nun gut. Vielleicht steckt eine ganz andere Absicht in ihren Worten. Wenn man ihr nämlich eins unterstellen kann, dann wie gesagt: auch bei ihr ist nichts dem Zufall überlassen, das ist durchgestylt bis zum letzten Zupf an der Gitarre – die Arrangements und Songs sind nicht einfach mal so entstanden, da steckt vermutlich jede Menge Tüftelei dahinter, oder um es deutsch zu sagen: viel Arbeit. Musik aus dem Labor (Elfenbeinturm) jedenfall klingt anders. Es entsteht hier nämlich eine Hommage nach der anderen, an die Musik, an ihre eigene Vielseitigkeit, schließlich wie in dieser Aufnahme, an eine der ganz Großen: Songs for Billie Holiday.

Cassandra legt die Karten auf den Tisch – und singt Billie Holiday-Songs – da setzt du dich bitte erstmal hin. Da ist jeder Song ein … ja was ist das? – ein Hit? ein Klassiker? – eine Offenbarung? Wenn man das Ganze mal dick aufträgt, könnte man schreiben: Wieso unterscheidet sich ihre Machart so sehr von denen der anderen, doch mindestens auch talentierten oder will/darf man sagen großstimmigen Sängerinnen? Wieso ist das hier ohne Mühe an die Grenzen des Orchestralen und Theatralischen getrieben und dabei eine noch bessere Wilson als die vorherigen Wilsons? Nun kann man das auch ganz anders sehen. Irgendwo las ich, ihre Stimme sei eingebrochen, ermüdet und lustlos würde sie da ihr Programm runterspielen. Nun, das ist dann einmal mehr Ansichts- oder Geschmackssache – Deswegen man sich ja mit Einzeilern vonwegen, heiße Ware, unbedingt kaufen, sowas gibt’s nur einmal, das ist jenseits von gut und böse – sicher ein Eigentor schießt. Lassen wir das. Keine Emphase also, sondern nüchtern und rational festgestellt. Sie geht hier an die Grenzen. Des Machbaren, des Kitsch, des dauernd Bluesigen. Schaut man sich allerdings ein wenig in der Biographie von Billie Holiday um, wird man gleich feststellen, nun: After the Sun comes Rain, und der schien bei Billie Holiday tatsächlich Grundton gewesen zu sein, beziehungsweise sich verdüstert zu haben. Deswegen ohne Umschweife: Ich lege die Scheibe jedem ans Herz, der oder die an kleine bis mittelgroße Musik-Strapazen interessiert ist, die aber nicht, wie man es vom Jazz bisweilen auch sagen kann, die Schmerzgrenze übertritt – nein, diese sehe ich woanders – kommt auf die Hörgewohnheiten an? – nein, bitte, kein Elfenbeinturm-Gehabe jetzt. Wilson macht auf das Akademische im Jazz aufmerksam, und steuert dazu eine orchestrale Rundumbeschallung bei, die nicht jedem schmecken muss, aber durchaus das Geschmäcklerische berührt. Im Sinn der wuchtigen Gefühle.

Cassandra Wilson mit der Stimme zwischen Bauch, Seele, Rauch und Ella, Billy und Carmen McRae – hat noch eine wunderbare Aufnahme hingelegt. Da darf man sich eine Stunde zurücklehnen und die Frage stellen: Frau Wilson, warum so viele Geigen, wenn doch Ihre Stimme die alle einfach auszublasen vermag – nun. Das ist wahrscheinlich, was sie meint: Solche Sachen trauen sich Akademiker nämlich nicht mehr zu, ohne auch die zu „verkopfen“. Nun gut, sage und schreibe ich, das Schöne ist: Jeder fühlt und sieht das anders und sowieso auf seine Art und Weise. Ich empfinde das dick Aufgetragene knapp vor landunter – aber warum nicht wieder spüren, wie Musik (oder Jazz) auch etwas Körperliches hat – es mit dir runter geht und wieder rauf, in diesem Cassandra-Wilson/Billy-Holiday-Film.

Cassandra Wilson Voice, T. Bone Burnett Guitar, Kevin Breit Guitar, Nick Zinner Guitar, Van Dyke Parks Strings, Martyn P. Casey Bass, Jon Cowherd Piano, Charlie Burnham Violin, Thomas Wydler Drums

 

Advertisements