Mark Guiliana – Family First

mark guiliana
Beat Music Productions

Ein Schlagzeuger, der mir eine ganze Farm zu sein scheint, eine Percussion und Dynamik in einem, die vor allem eins nicht kann: auf der Stelle treten, das ist derart eindrücklich an sämtlichen Registern der Trommelei gezogen, da steht mir, wie immer bei virtuosen Leuten, der Mund offen, ich könnte mit Ah, Oh, und sonstig wohlgemeint Tonlosem fortfahren.

Mark Guiliana, Jahrgang 1980, Mitarbeit/Trommelei unter Brad Mehldau Mehliana: „Taming The Dragon“, mit Avishai Cohen: „Continuo“, im Trio Phronesis: „Life to Everything“ – und David Bowie „On Sue“ – das Problem an dieser Scheibe: Da gibt es noch drei weitere Musketiere.

Shai Maestro: Jahrgang 1987, es gibt inzwischen drei Alben von ihm, persönliche Empfehlung: Shai Maestro Trio.

Jason Rigby: da bin ich blank und muss auf Wiki nachschauen, dort heißt es, er sei für seine Inside-Outside-Improvisationen bekannt – hätten wir das.

Chris Morrisey, da kann man immerhin beruhigend zur Kenntnis nehmen, dass auch Musiker der New Yorker Szene sich in Bescheidenheit üben: „Morrisey seems to be casually clearing the way for one potential path for jazz to progress in the future.“ Das könnte heißen: wird schon.

In einigen Arrangements ist eine Gangart zu spüren, die mich persönlich verleitet, einen hymnischen Beitrag zu verfassen (z.B. die Steigerung von einer relativ einfachen Akkord-Staffel in „From You“ zu einem ziemlich dynamischen Miteinander, trotzdem gerade auch das Stück ein Beispiel dafür, warum sich meine Begeisterung wieder beruhigt.) Die Ambivalenzen zwischen Einfach und Brisant – angesichts persönlicher Vorlieben oder Vorstellungen eh ein schmaler Grad, wenn man sich an eine Beurteilung von Musik ranmacht (es hört im Gebälk jeder ein anderes Knistern).

Die Musiker jedenfalls scheinen gut vernetzt, sie machen sehr gutes Handwerk. Und was ich aber auch immer befürchte: Jazz-Musiker arrangieren lieber (verlassen sich auf den Raum ihrer Akkorde) als dass sie komponieren (denn jede Melodie hat ihr Fatales, einmal gehört, kann sie beim zweiten Mal schon hinten runter fallen), das gilt auch für diese Scheibe. Wenn zum Beispiel in 2014 oder Johnny Was vier oder fünf Akkorde das Gerüst darstellen, ohne dass eine starke Melodie folgt, fange ich an, mir was zu wünschen. Nun gut, das wissen wir, persönliche Wünsche sind eher kontrainduktiv zu den Ausgaben, die man hat, sie zu erfüllen – trotzdem: man merkt der Aufnahme an, hier geht noch was obendrauf, ist aber schon ein sehr kraftvoller Ansatz. Wenn es da in The Importance of Brothers querfeldein marschiert, kriegt das Ganze nämlich einen großartig eigentümlichen Schub – soviel zur Spekulation über eine Erzählung, die ihre Geschichte noch zu suchen scheint.

Mein Fazit: Ein grandioser Guiliana, ein wunderbarer Maestro, ein etwas schüchterner Rigby und ein immer präziser Morrissey bilden ein tolles Gespann, dem man wünscht, noch viele gemeinsame Stunden zusammen zu verbringen, und wenn sie es schaffen, einen Song oder eine Melodie zu finden (zu komponieren) – könnten sie mich umhauen. Bei diesem Schlagzeuger habe ich das Gefühl, dass mit der ständigen Flut an Neuerscheinungen ein sehr gutes Boot mit nach oben gespült wird.

 

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