Myra Melford – Snowy Egret

myra melford
Coverdesign – Franziska Erdle / Label Yellowbird, Enja

 

Warum weiß man, wieso einem etwas gefällt, obwohl die anderen dazu sagen, wie kann man so etwas hören? Wenn man durch Zufall auf eine Pianistin trifft, die schon mehr als zehn Platten unter die Freunde ihrer Musik gebracht hat. Wenn man so etwas spürt wie Timing, Parallelwelt, Ereignisraum und Vielfalt, wenn man sich von etwas beeindruckt weiß und das mitteilen will – dann ist wohl etwas Besonderes passiert.

Das beginnt mit einer Fanfare – das Thema ist im Anspielbeispiel zu hören. Die Auflösung des Themas übernimmt die Gitarre und führt in ein eigenes Schieben und Improvisieren, die beiden am Schlagzeug und Bass treiben es voran, während Mylford das Thema dazwischenschiebt, damit sich auch die Trompete freispielen darf. Es kommen zusammen: Musiker. Komposition. Ruhemomente, Unruhemomente. Das Aufeinander-Hören, das Miteinander, das gemeinsame Jagen, die Abwechslung. Dieses etwas kräftigere Stück wird abgelöst von Night in Sorrow – ganz die Ruhe selbst, von der Gitarre eingeleitet, das hört man auch im Anspielbeispiel. Der Bass schleicht sich leise hinzu. Das Schlagzeug folgt und schließlich eine Melodie übers Klavier. Das war es schon, möchte man meinen, ist aber so fein gesponnen – da gehst du dahin. Wieder wunderbar aufgelöst vom Thema ins Spiel. Und da das über die ganze Aufnahme immer wieder geschieht auf bestmöglich Art, bleibt sie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Herz, Kopf und Bauch gleichzeitig angesprochen werden. Und noch immer muss ich rufen, Vorsicht. Das ist noch immer Jazz. Wem sage ich das?

In den Anhörbeispielen ist der eigenständige Charakter der Aufnahme schon ganz gut zu hören, aber noch nicht, wie die Musiker schließlich, nachdem die Themen jeweils gestellt sind, aufeinander losgehen und umeinander ringen, drängen, kämpfen (man sagt auch sich arrangieren dazu), das lässt sich sehr gut im dritten Stück hören. Da ist ein anfänglich klarer Ansatz gegen Ende des Stücks aber derart von allen zusammen gegen oder miteinander zerlegt – es muss zwangsläufig wieder Ruhe einkehren. Das leistet „Ching Ching“ tatsächlich auf eine ganz eigene Weise. Obwohl ein Trommelwirbel mit Melodia und Trompete im Anfang, wird es ein eher zurückgenommenes und sentimentales Stück – was dann aber von Schlagzeug und Bass und Gitarre komplett in eine wieder stämmigere Reibung überführt wird.

Diese Aufnahme ist vor allem ein Feuerwerk der Ideen, und eine Implosion wie Explosion. Ein vorletztes Beispiel: „The Kitchen“ – da wird anfänglich mit Gitarre und Bass auf die Widersprüchlichkeit oder Unterschiedlichkeit der jeweiligen Seite (Saiten) hingewiesen, bis in der dritten Minuten das Thema gemeinsam aufgenommen ist, von allen!, um das Stück in eine komplett andere Richtung zu verschieben, wo das Klavier schließlich einen Ritt auf der Rasierklinge des Bass hinlegt – da bleibt nichts am Platz – ein großer Satz in die Tasten. Und zu guter Letzt: „Strawberry“: was als kleiner Blues beginnt, findet sein glückliches Ende in karibischen Rhythmen.

Eine wie ich finde richtig gute Aufnahme.

Featuring:
Myra Melford: piano, melodica
Ron Miles: cornet
Liberty Ellman: guitar

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