The ACT Man – Geburtstagswünsche von und für Siggi Loch

siggi loch
Cover Design ACT-Label

 

Das ist ein bisschen Nostalgie, ein bisschen in alten Zeiten unterwegs sein – vor allem die zweite CD hatte mich gleich auf der heiteren Seite. Diese unvergesslichen Stimmen von John Lee Hooker, Muddy Waters und Buddy Guy – einfach großartig. Dann rutscht das Ganze in den Rock ’n Roll, aber auch das lustig bis heiter – kann man sehr gut nebenbei hören und selbst nach dem dritten und vierten Mal nicht langweilig.

Wer da alles die Wege des Siggi Loch gekreuzt hat, und wem er da alles auf die Beine geholfen hat – schon unglaublich. Wusste ich gar nicht: Al Jarreau, Klaus Doldinger, Philip Catherine und Joachim Kühn gehören genauso zu seinen Entdeckungen wie Katja Ebstein, Marius Müller-Westernhagen oder Heinz Rudolf Kunze. Da gibt es also zwei Leben eines Siggi Loch (wahrscheinlich noch viel mehr) – ein Leben vor der Gründung des ACT-Labels, und eins, das schließlich ganz dem ACT-Label gewidmet ist. Hier vor allem dann die Entdeckung von Esbjörn Svensson oder Michael Wollny oder Nils Landgren. Das erfährt man alles in dem kleinen, schicken Beiheft mit schönem Bildmaterial – dort man vor allem einen immer freundlichen und begeisterten Siggi Loch sieht. Immer ganz nah am Geschehen. Das wirkt kaum gestellt oder distanziert, sondern irgendwie freundschaftlich (der frühere Siggi Loch) oder väterlich (der heutige).

Die Cds sind thematisch nach Lebensphasen geordnet.

CD1 The Beginning – hier tritt gleich mit dem ersten Stück Sidney Bechet in Erscheinung. Dieser Bechet Siggi Loch fünfzehnjährig am Jazz-Nerv gepackt hat. Und da Siggi Loch keinen Hehl draus machte, dass er kein so großartiger Musiker war, aber sich immer wünschte, in der Nähe der Musiker zu sein, verschrieb er sich schnell dem Vermarkten von Musik, dem Sichtbar- und Hörbarmachen von Musik, nicht ohne seine Jazz-Vorliebe weiter zu pflegen. Sich hierfür richtig hingehend zu verausgaben, sollte ihm dann ab 1992 mit Gründung des ACT-Labels gelingen.

CD2 (Blues & Rock) ist die Bluesige im Anfang, die Rock ’n Roll-hafte im Mittelteil, und dann wird es sogar ziemlich kitschig mit Nights in White Satin – man spürt richtig hingehend den Duft von 4711 des Hammond Orgel-Spielers mit einfachster Begleitung, wenn da Gitarre und Schlagzeug und Bass nichts machen, außer ihre fast schon schulbuchmäßige Begleitung abzuspulen – so war das wohl – mit einfachen Mitteln I feel free vor sich hinsmashen – und donnern. Man könnte geradewegs wieder in den Keller hinuntersteigen und auch nochmal losröhren …

CD3 nennt sich dann „Crossing Borders“ – lt. Begleitheft soll sie „Siggi Lochs Vision der kreativen Verbindung von vermeintlich undurchlässigen Genres“ in den Mittelpunkt rücken. Da ich ja durch die beiden ersten CDs schon sehr heiter gestimmt bin, kann ich das mit George Gruntzens Cembalo-Geklimpere gerade noch akzeptieren, mit einem Lächeln versteht sich, denn noch immer wird hier ziemlich wild drauf los gezimbelt – immerhin hört man schon auch mal einen Bass zaghaft ein Solo antesten – „zugekleistert“ durch eine Klarinette – sei’s drum, denn diese CD ist von allen die abwechslungsreichste – da geht’s gleich in einen Country über – um ins Arabische zu wechseln – von dort ins Spanische – es folgt ein Tango klapp klapp – zwischendurch dann eh einer meiner Lieblingssongs aus dem ACT-Programm, Christoph Lauer mit Sidsel Endresen – abgeschlossen wird die CD mit einem starken Duo Klavier und Trompete. Super-CD!

CD4: Hier wird es für Eingefleischte des ACT-Programms etwas schwierig. Denn wer schon viele CDs hat, wird einige Doppler hinnehmen müssen. Umgekehrt frage ich mich allerdings, was soll das Label auch machen, wenn hier die Anfänge des Labels dargestellt werden sollen – da sind ja nun inzwischen einige Klassiker entstanden – man könnte sich höchsten darüber streiten, was denn nun das stärkste E.S.T -Stück ist oder welchen Nils Landgren du hören willst – oder welches Polygon dir recht ist?

CD5 rundet das Ganze mit den Auftritten der ACT-Künstler in der Philharmonie ab. Auch hier wird man als ACT-Kenner um Doppler nicht herumkommen. Allerdings will ich auch hier mit meiner Kritik auf leisen Sohlen daherkommen: erstens habe ich bei insgesamt 66 Stücken vielleicht gerademal 4/5 Doppler, zweitens gilt das gleiche wie für CD4 – im Ergebnis man die CD in einem Stück hören kann, zurückgenommen im Hintergrund oder auch etwas kraftvoller über die ganze Breite der Anlage. (P.S. Wer also einen Bogen macht um Compilations, sollte einfach die Titelauswahl selbst nochmal checken und dann entscheiden!)

Einen Zwischenruf/Schlussakkord habe ich noch: Diese Sammlung ist auch bestens geeignet, Leute, die sich schwer tun mit jazzigen Tönen, an den Jazz heranzuführen, so wie es wohl insgesamt Siggi Lochs größte Leistung ist, über die Distanzen, sich nicht auf eine ganz bestimmte Ästhetik festgelegt zu haben, Musik also nicht nur als für eine bestimmte/unbestimmte elitäre Clique glänzen oder brillieren zu lassen, sondern sie so vielen es eben geht, möglich zu machen. Wer also seinen im Musik-Dschungel irrlichternden Freunden, Verwandten oder erwachsenden Kindern schon immer mal sagen wollte, was Jazz alles kann und will, und ist – hier ist eine Box für Einsteiger genauso für Leute, die meinen, schon alles gehört zu haben.

Dem Geburtstagskind sei dafür gedankt. Denn wo gibt es das schon. (Nur bei Betriebsausflügen wohl – da zahlt immer das Geburtskind drauf.) Hier schenkt es uns, was es für gut und richtig hält. Das nehme ich dankend an! Und empfehle es gerne weiter!

Advertisements