David Helbock Trio – ein Feuerwerk an der Panke

So oder ähnlich habe ich mir das vorgestellt. Wedding, Stahlrahmendachkonstruktion und Plüsch und Werkzeug von den Decken … vor dem Eingang wird man von vierzehnjährigen Halbstarken angemacht und in der Panke schwimmen die Reste einer Tatortaufnahme der ARD. In dieser Halle geben sie regelmäßig Klassikkonzerte. Das ist der Piano Salon Christophori am Pankeufer im Wedding von Berlin.

Na, zuviel versprochen, fragte ich. Doch, doch großartig, die Antwort, was soviel heißt wie, ich brauch nun nicht noch erklären, warum das großartig war. Wer Worte wie Feuerwerk oder Bilderwelt oder Tanz und Spiel nicht mehr hören kann … vor allem der Schlagzeuger … Ja, sage ich, und ich fand den Bassisten großartig, mit Fingersatz!  … ganz schön cool, nicht wahr? Jaja, das reinste Feuerwerk an der Panke, diesmal. Gemischtes Publikum. Jung bis seniorisch. Auf diesem Bild eher seniorisch, aber links von uns viele junge Leute … das haben sie verdient. Die Leute wie die Musiker! Der Mann hier vorne mit/ohne Haaren … war ziemlich stürmisch manchmal im Mitgehen. Da wackelte der Saal.

Also. Es begann mit Beethoovens Siebter Sinfonie, Satz zwei, wie auf der CD. Das auf der CD folgende Soul kam später … meine ich. Nun, ich habe das jetzt nicht alles mitgeschrieben … bin kein Journalist, sondern Kulturkonsument und ab und zu versuche ich in Worte zu fassen, was sich nicht in Worte fassen lässt. Das war mein Gedanke, den ganzen Abend über. Musik ist und bleibt eine eigene Sprache. Hier braucht man keinen Adorno, um  zu verstehen. Hier braucht man nichtmal Klavier – Bass oder Schlagzeugunterricht genommen zu haben, um zu sehen, dass die drei sehr passioniert sind, sehr gut aufeinander abgestimmt, und alles, was die CD versprochen hat, wurde geliefert. Drängend, schiebend, melodisch, mit schönen Übergängen von getragener Melodie in den Samba … von den gedrückten und komprimierten Momenten in die Improvisation, die freie Bewegung und Atonalität … und neben mir rundum erfreute Gesichter.

Ich weiß nun gar nicht mehr, wie und wo sie meine Wege das erste Mal kreuzten. Es geht ja im Verorten der Künstler manchmal nur noch mit Zufallsgenerator – um so glücklicher ist man, wenn die Wünschelrute einmal mehr ausschlägt und anzeigt, dass es sich lohnt, gewohnte Pfade zu verlassen. Und jetzt, da das Helbrock Trio im renommierten ACT-Label untergekommen ist, bleibt zu hoffen, dass sie ihrer Passion und ihrem Ideenreichtum noch viele Stunden große Musik anhängen.

Kurzes Wort zu Bass und Schlagzeug. Die kleine Bassukele von Raphael Preuschl gepielt, lässt in keiner Sekunde ein Kontrabass oder ein Elektrobass vermissen, im Gegenteil, er holt aus dieser kleinen Ukele die ganze Breite heraus und besonders imponierend, mit welcher Ruhe er da zwischen Klavier und Schlagzeug seinen Part spielt. Da zahlen sich jahrelange Abgestimmtheit aus, fast blind scheint er durch Bassläufe und Arpeggien zu gleiten … jederzeit in der Lage, Rhythmus- und Tempowechsel mitzugehen, sie auch zu beschleunigen, sie mit starkem Ton zu verschärfen. Ein sitzender Charles Mingus mit der Austrahlung eines technisch versierten aber immer dynamischen und hellwachen und ruhenden Pols – um den die Töne (Klavier) und die Schläge (Drums) herumkreisen und wirbeln. Einfach toll!

Reinhold Schmölzer / drums. Mir schon immer ein Rätsel, wie ein Schlagzeuger aus diesen paar Scheiben und seiner Bassdrum einen solchen Wirbel erzeugen können, im gleichen Moment. Allein seine Wechsel von Knöchel der Hand zum Snear des Besens über das Antippen der Becken, das Ziehen oder Schieben übers Fell – ich mich dabei ertappen konnte, wie ich das Quietschen aus dem Flügel vermutet hätte, es aber Schmölzers Werk war. Muss schon sagen. Ebenfalls Toll! Einfach super!

The World needs more heroes, hieß eins der Stücke (glaube ich), und seit Dienstag letzter Woche wissen wir, dass derzeit vielleicht zuviele Heroes den Planeten zu beglücken versuchen, nun. Die Heroes hier seien aus der griechischen Mythologie. Sie umreisen die Welt und kommen wieder zurück, um es ihren Daheimgebliebenen zu erzählen. Die Odyssee vielleicht? Der Homer, den es nie gab? Oder einfach nur diese Drei Heroes ihrer Instrumente, die über den Abend verteilt so viele Geschichten erzählen, dass neunzig Minuten plus zwei Zugaben im Flug vergehen. Und man, kaum dass das Konzert begonnen hat, schon wieder an der Panke steht.

Die ARD scheint ihre Utensilien inzwischen an die Spree verlagert zu haben. Die pöbelnden Jugendlichen haben sich verzogen. Die schweigende Nacht. Am U-Bahnsteig trifft man einige der Zuschauer wieder. Und, zuviel versprochen? Nein, großartig. Einfach nur gut. Wie sagt man dazu? Ein Feuerwerk des Jazz unter der Mütze. Ja. Ein Feuer, ein Werk, eine Halle und rundum zufriedene Leute. Habe überhaupt nicht gemerkt, wie die Zeit verging. So kann Geschichtenerzählen auch sein. In einer vollkommen anderen Sprache. Gerne nochmal!

helbock-im-wedding

Einen ungefähren Eindruck kann auch dieses Tape vermitteln:

Advertisements

Ein Gedanke zu “David Helbock Trio – ein Feuerwerk an der Panke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s