Bandcamping – bei 32 ° grad

auf die neue David Helbock Aufnahme wollte ich eingehen, es ist leider nur ein gequälter Artikel entstanden – das Thema mehr als hintergründig, interessant und mehrschichtig. Vater/Sohn, Vorbild/Nachahmung, Vorlage/Interpretation, wie geht man einen Evergreen an?

Take Five steht ebenso Pate wie Keith Jarretts My Song – und Zawinul, Carla Bley und Dollar Brand, alias Abdullah Ibrahim – die Söhne heben Väter – die Söhne stellen Fragen an die Väter, der Sohn erlaubt sich einen Spaß mit Vater – das Konzept vielversprechend – im Produzenten haben wir den Mentor für großen Spaß am Jazz schlechthin.

Wieder bringt er was zusammen, wieder löst er Hymnen des Verzücktseins aus, er schreibt vom Grand Senor (er meint die Vorgaben der Herren Hancock bis Chick Corea) – und doch. Wenn der Spaß am Spiel zum bunten Cocktail oder zur Beilage eines bunten Pottpourie wird – muss der Kater folgen. Eine Mischung aus Magie im Zirkus, die wilde Freiheit in der Manege mit Querflöte, Tuba und Scatgesang – das Klavier, ein eh schon lautes Instrument, wird zur Percussion, zum Schlagzeug – nur zu, greifen Sie zu und zupfen und schrummeln Sie aus dem Herz der Saiten – das Geschrummel macht auch vor Ellingtons In a Sentimental Mood nicht halt – mir scheint es manchmal, als verwechselten manche Jazz mit Albert Ayler insofern, als der Freejazz erfolgreich nach Hause geschickt wurde, aber dafür das Klopfen, Trommeln und aufs Instrument Einschlagen zugenommen hat.

Mercy, Mercy, Mercy – der Zawinul Klassiker, von Cannonball Adderley groß aufgelegt, klingt hier vor allem sehr sehr laut – und soll wohl witzig sein – zweistimmig auf der Tuba – im Wechsel der Originale mit David Helbock wird Herbie Hancock immerhin ebenso nochmal aufgewertet wie Miles Davis – der Transform von Davis zu David nur ein D vom Es entfernt. Und doch scheint etwas liegengeblieben zu sein.

Watermelon. Ein sixteen bar blues. Ein unschlagbarer beat – ja Melodie und Beat und Flöte – was machen die Neuen Wilden draus? Sie spielen es scheinbar nach. Bisschen enger gefasst im Korsett (Arrangement). Auch das ist im Vergleich lauter geworden. Bei Keith Jarrett schließlich – was ein schöner Song mit Jan Garbarek am Saxophon. Das war schon damals blumig, die selten klaren Vogeltöne des Garbarek, die selten leise Spielart des Danielsson am Bass und das fast Unhörbare des Drummers Christensen. Himmlische Weihen und klare Auflösungen. Sechs Minuten deines Lebens unter Engeln.

Die neuen Wilden nun den ganzen Song offenbar aushebeln. Jarrett gehämmert. Wieder werde ich bestätigt: Das Original. Das Original. Nehmt es zur Kenntnis. Bitte auch an die Jungen Wilden durchreichen: erst hören, dann hören und gleich nochmal H Ö R E N. Stattdessen wird Musik e r a r b e i t e t und Papa scheint im Hintergrund den Pop, den Drive, die Dramaturgie, das Pompöse und Schnelle und Laute zu befeuern.

Als sollte Musik nicht mehr nach Innen leuchten, sondern vor allem das Innen erstmal wegblastern – mit Scat und Saitenschubbern. Da leuchtet anfänglich noch eine Fresu-Trompete – um in einem Allerbeliebigkeitstausendmalgehörtgewurschtel festzuklemmen – „hier, Jungs, so löst man das auf“ Papa scheint eine Partitur reingereicht zu haben – „haben wir bei soundso auch so gemacht …“ Papa lacht. Die Jungs gucken erstaunt. Ok, lass uns das versuchen. Klingelt das Klavier – im Hintergrund ein nachhallender Synthie. Das ist so dick aufgetragen plötzlich, es verklebt die Hörgänge. Ironisch ist das nicht. Fürchte sogar, es ist ernst gemeint.

Eine dünne Decke zwischen Melancholie, Poesie und Lebenswille im Vergleich zu aufgesetzter Fröhlichkeit bei gewolltem Pathos und echtem Kitsch. Die Interpretation von Carla Bley will da schon eher zusagen – wieder dies Saitenschrubben – der Schluss dann wie ein Schuss ins Herz. Dem ganzen Werk die ironische (sic!) Krone aufgesetzt! Dave Brubecks/bzw Paul Desmonds Take Five dampft – das Original kann man hören, tiefgefroren und in hundert Jahren nochmal aufgetaut – eine Persiflage aber oder einen Witz auf das lässt jeden Berg zu Tal stürzen, wie dieser Alphornfön, damit alle dort unten in ihren Häusern ironische Kopfschmerzen kriegen.

David Helbock / piano, electronics & percussion
Andreas Broger / saxophones, clarinets & various reed instruments
Johannes Bär / tuba, trumpet & various brass instruments
Siggi Loch / Produzent

Sein neues Album ist eine „Tour d’Horizon“ – so auch der Titel – zu den Granden des Jazzpianos: „Ich habe dafür Stücke von meinen Lieblingspianisten ausgesucht, von denen, die meinen musikalischen Horizont erweitert haben“, erklärt er.

Die Originale:

Abdullah Ibrahim Marketplace:
E.S.T. Seven Days of Falling
Joaquin Rodrigo  Concierto de Aranjuez
Chick Corea Spain
Duke Ellington In a sentimental Mood
Joe Zawinul Mercy, Mercy,Mercy
Miles Davis Blue in Green
Herbie Hancock Watermelon Man
Keith Jarrett Sy Song
Carla Bley Utviklingssang
Cedar Walton Bolivia
Dave Brubeck/Paul Desmond Take Five

 

tour-d-horizon-from-brubeck-to-zawinul_teaser_550x

Dazu reiche ich zwei Playlisten durch, einmal auf QOBUZ Original, gefolgt immer von den „Aufräumarbeiten der jungen Wilden“, so will ich die Arbeit Helbocks mit Andreas Broger und Johannes Bärs nennen, und auf Spotify:

Abschließend noch einmal die Best of Jazz auf Bandcamp:

APRIL: https://daily.bandcamp.com/2018/05/07/best-bandcmap-jazz-april-2018/?utm_source=footer

MAI: https://daily.bandcamp.com/2018/06/07/best-bandcamp-jazz-may-2018/

Außerdem Jon Hassel: https://daily.bandcamp.com/2018/06/08/jon-hassell-listening-to-pictures-feature/

Kommt gut in die Woche!

 

 

 

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Bandcamping – bei 32 ° grad

    1. Helbock ist noch jung ;o) Und mit Raphael Preuschl Bass und Reinhold Schmölzer Schlagzeug durchaus auf gutem Weg (gewesen?) – diese Aufnahme nun scheint mir sehr mit heißer Nadel gezupft oder mit dem Dampfhammer auf die Tuba gedrückt. Edward Simon, gebe ich Dir vollkommen recht!

      nur kurz nachgeschickt. Ich war heute drei Stunden bei Dussmann in der Jazzabteilung, zwei sich piesackende Verkäufer, eine riesen Parfümwolke eines Kunden, zwei Jungs unterm Kopfhörer – der eine Verkäufer dem anderen erzählte, dass er kein Fernsehen mehr guckt. In der Abteilung Weltmusik wurde ein Baby gestillt, (sie seien ja nicht in der Bibliothek, Mutter lachte, Großmutter auch) – ansonsten Miles Davis in Boxen mit Tragegriff. Die neue alte verschollene Coltrane soll Ende Juni kommen. Man sollte einen Film machen mit dieser Jazzabteilung. Beste Sommergrüße !

      Gefällt mir

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.